News

<
2 / 532
>
21.09.2026

KI entlastet. Verantwortung nicht.

Künstliche Intelligenz wird unsere Arbeit verändern. Davon bin ich, Dirk Peters, überzeugt. Sie kann Routinen übernehmen, Fachkräfte entlasten und uns mehr Zeit für die Aufgaben geben, bei denen Erfahrung, Urteilskraft und der persönliche Kontakt entscheidend sind. Gerade deshalb sollten wir genau darüber nachdenken, wie viel Verantwortung wir ihr übertragen.
 
Im September 2026 nahm ich an einem Praxis-Call von Martha Kiehl zu Claude Co-Work der Tax-KI Community teil. Ein kleines Beispiel ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Sie ließ Claude einen Ordner auf ihrem Rechner live selbstständig aufräumen und strukturieren, Dubletten löschen und neue Ordner anlegen. Damit es schneller ging verzichtete sie auf die Bestätigung jeder einzelnen Freigabe. Das ist keine Kritik an ihrem Vorgehen, vielmehr eine gelebte Praxis in vielen Unternehmen dem Zeitmangel Herr zu werden.

Eigentlich nichts Spektakuläres. Gerade deshalb war es interessant. Wir geben einer KI ein Ziel, gewähren ihr Zugriff auf Dateien und lassen sie arbeiten. Das Ergebnis spart Zeit. Und wenn das fünf-, zehn- oder fünfzigmal problemlos funktioniert, entsteht sehr schnell eine menschliche Reaktion, die wahrscheinlich jeder aus seinem Arbeitsalltag kennt:
Warum sollte ich beim nächsten Mal noch jeden einzelnen Schritt kontrollieren?

Ein bemerkenswerter Kontrast am nächsten Morgen

Einen Tag später veröffentlicht das Handelsblatt am 18. September 2026 den sehr lesenswerten Beitrag „Das Protokoll, wie die KI außer Kontrolle geriet“ (Spoiler: 40 Minuten Lesezeit, ein kleiner Krimi!).

Darin rekonstruiert ein ressort- und länderübergreifendes Team von Journalisten unter anderem den Vorfall zwischen OpenAI und der Entwicklerplattform Hugging Face. Die Rekonstruktion beschreibt sechs Phasen eines Angriffs und zeigt, zu welchen Handlungen KI-Systeme bereits heute technisch in der Lage sein können, wenn ihnen Ziele, Werkzeuge und weitreichende Zugriffsrechte gegeben werden.

Natürlich liegen zwischen dem Aufräumen eines Ordners und einem solchen Szenario Welten. Aber im Kleinen ist es das gleiche Szenario.
Der gemeinsame Punkt ist für mich trotzdem interessant: Wir delegieren nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte an KI. Wir beginnen, ihr Ziele vorzugeben und sie den Weg dorthin zunehmend selbst finden zu lassen. Genau das macht sogenannte KI-Agenten so interessant. Und genau deshalb müssen wir uns mit ihrer Kontrolle beschäftigen.

Das eigentliche Risiko sitzt vielleicht vor dem Bildschirm

Dabei sehe ich das Problem nicht nur in der Technik. Im normalen Arbeitsleben herrscht Zeitdruck. Wir automatisieren Prozesse schließlich gerade deshalb, weil wir nicht jeden Arbeitsschritt selbst durchführen wollen (müssen) und gerade die, die sich immer routineartig wiederholen. Wenn ein System über Monate zuverlässig gearbeitet hat, wird aus einer sorgfältigen Kontrolle schnell ein kurzer Blick. Aus dem kurzen Blick irgendwann ein Klick auf „Freigeben“. Das ist menschlich.

Aber genau hier entsteht ein Widerspruch: Je besser KI-Systeme werden und je zuverlässiger sie uns Arbeit abnehmen, desto weniger verspüren wir das Bedürfnis, sie zu kontrollieren. Gleichzeitig wird Kontrolle und Kontextwissen wichtiger, je selbstständiger diese Systeme handeln können.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur:
Was kann die KI?

Sondern auch:
Wie organisieren wir menschliche Verantwortung so, dass sie im Arbeitsalltag tatsächlich erhalten bleibt und wirtschaftliche Vorteile erzeugt?

KI ist für uns keine Bedrohung

Für unsere Kanzlei steht außer Frage, dass Künstliche Intelligenz große Chancen bietet. Der Fachkräftemangel wird uns auf absehbare Zeit begleiten. Gleichzeitig verbringen qualifizierte Mitarbeiter noch immer erhebliche Zeit mit Routinen, Recherche, Informationsaufbereitung und administrativen Tätigkeiten.

Wenn KI uns davon sinnvoll entlastet, ist das keine Konkurrenz für gute Mitarbeiter. Im Gegenteil: Sie kann dazu beitragen, dass qualifizierte Menschen mehr Zeit für qualifizierte Arbeit haben.

Auch für unsere ärztlichen und zahnärztlichen Mandanten dürfte diese Entwicklung zunehmend relevant werden. Denn dort gilt das Gleiche: Fachkräfte sind knapp, Arbeitszeit ist kostbar und administrative Prozesse wachsen eher, als dass sie verschwinden.
Technologie, die hier sinnvoll entlastet, sollten alle Unternehmer nutzen.

Warum wir trotzdem nicht jedem Hype hinterherlaufen

In unserer Kanzlei beschäftigen wir uns intensiv mit KI. Gleichzeitig sind wir bei ihrem unmittelbaren Einsatz in sensiblen Kanzleiprozessen noch bewusst zurückhaltend. Das hat wenig mit Technikskepsis zu tun.

Steuerberatung arbeitet mit hochsensiblen persönlichen und wirtschaftlichen Daten. Datenschutz, Verschwiegenheit, fachliche Verantwortung und nachvollziehbare Prozesse sind deshalb keine Randbedingungen. Sie gehören zum Produkt.

Wir beobachten deshalb insbesondere die Entwicklung bei DATEV sehr genau. DATEV hat den eigenen Copilot im Mai 2026 freigegeben und baut dessen Funktionen schrittweise aus. Der Ansatz ist erkennbar darauf ausgerichtet, KI in die bestehenden Kanzleiprozesse zu integrieren, Daten zu schützen und die fachliche Entscheidung weiterhin beim Menschen zu belassen. DATEV arbeitet beispielsweise mit einer De-Identifikation personenbezogener Daten vor der KI-Verarbeitung und beschreibt Sicherheit, Datenschutz, fachliche Verantwortung und menschliche Kontrolle ausdrücklich als zentrale Prinzipien seiner KI-Strategie.

Dieser Weg entspricht auch unserem Verständnis. Wir beobachten die Entwicklung und führen geeignete Funktionen kontrolliert ein.
Nicht stehen bleiben. Aber auch nicht jedem neuen Werkzeug sofort Zugriff auf sensible Daten und Prozesse geben, nur damit die Kanzlei möglichst modern aussieht.

Fortschritt braucht manchmal auch Geduld

Wir führen unsere Kanzlei im Denken eines Familienunternehmens. Das bedeutet für uns: Entscheidungen sollen nicht nur heute gut aussehen. Sie müssen auch morgen noch vernünftig sein. Neue Technologien prüfen wir deshalb danach, ob sie langfristig einen wirklichen Nutzen bringen: für unsere Mitarbeiter, für unsere Mandanten und für die Qualität unserer Arbeit.

Manchmal bedeutet Fortschritt, etwas sehr schnell umzusetzen. Und manchmal besteht Fortschritt darin, eine Entwicklung genau zu beobachten, Erfahrungen zu sammeln und erst dann zu entscheiden. Bei Künstlicher Intelligenz werden wir beides brauchen.

Denn eines scheint bereits heute sicher:
KI wird uns immer mehr Arbeit abnehmen können. Die Verantwortung dafür, was wir ihr überlassen, wird sie uns allerdings nicht abnehmen.





ZURÜCK
Button um zum Kopf der Seite zu scrollen